Seite Drucken Fenster schliessen
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (1)
In der Chronik der Stadt Görlitz von 1870 steht geschrieben:
"12. September 1870 - der Apotheker A. Welt eröffnete hier ( Ecke Demianiplatz/Grüner Graben) eine neue - die vierte Apotheke in Görlitz unter dem Namen Humboldt-Apotheke."
Bereits 1305 wird im Stadtbuch von Görlitz erstmalig eine Apotheke erwähnt. Sie wechselte im Laufe der Jahrzehnte mehrmals den Standort und blieb bis 1829 die einzige Apotheke der Stadt: die Struve-Apotheke am Untermarkt. Nachdem am 7. Mai 1945 die gesamte Rückfront des Gebäudes zerstört wurde, blieb sie geschlossen.
Die zweite Görlitzer Apotheke wurde 1830 auf dem Obermarkt (Ecke Fleischerstraße) eröffnet: die Löwen-Apotheke. Das Portal mit dem Löwen (eine Kopie) ist noch heute zu sehen. Auch dieses haus wurde im 2. Weltkrieg ausgebombt und die Apotheke blieb geschlossen.
Im Jahre 1865 wurde die Adler-Apotheke am Wilhelmsplatz eröffnet, die in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts geschlossen wurde.
Damit ist die Humboldt-Apotheke die älteste noch geöffnete Apotheke der Stadt.

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (2)
Die Humboldt-Apotheke in Görlitz als die älteste noch geöffnete Apotheke der Stadt hat im Verlauf von knapp 133 Jahren eine Menge Besitzer vorzuweisen - leider sind nicht alle Daten rekonstruierbar: Eröffnung war am 12.09.1870 durch Apotheker A. Welt, 1880 übernahmen seine Erben, 1882 Herr Jungmann, 1892 Herr Heilberg, 1893 Herr Burkhardt u.s.w. bis 1909 Herr Botho Finck, der Vater des berühmten Kabarettisten Werner Fink die Apotheke übernahm. Es gab bis zu meiner Übernahme am 1. Februar 1998 noch viel Eigentümer, Pächter und staatliche Verwalter. Die Reprivatisierung erfolgte 1990.
Noch ein paar Einzelheiten: Werner Finks Schwester Hildegard heiratete den Apotheker Max Holfeld, der später (1919) die Apotheke seines Schwiegervaters übernahm. In dieser Zeit wurde die Apotheke bekannt durch die Anfertigung der Vacampin- Kur- Produkte (Flechtenkur), die vom Apotheker Holfeld in viele Länder verschickt wurde. Nach Holfelds Tod heiratete die Witwe den Apotheker Heinrich Bubenheim. der die Apotheke weiterführte, bis er 1940 in den Krieg musste.

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (3)
Heute möchte ich etwas näher auf den berühmten Kabarettisten Werner Finck eingehen, dessen Vater, der Apotheker Botho Finck, von 1909-1919 Inhaber der Humboldt-Apotheke in Görlitz war. Werner Finck wurde am 2. Mai 1902 in Görlitz geboren. Sein Entritt ins Schulleben war 1909 und "das grösste Missverständnis meines Lebens." Er besuchte noch die Gewerbeschule in Dresden und war dann kurzzeitig (1921) Redaktions - Volontär bei den "Görlitzer Nachrichten": Von 1925-1928 hatte er sein erstes Engagement als Schauspieler in Bunzlau. 1928 wurden erstmals Gedichte ("Neue Herzlichkeit") Veröffentlicht, 1929 siedelte Finck nach Berlin über und wurde Mitgründer und Leiter des berühmten Kabaretts "Die Katakombe". 1935 wurde er durch die SS verhaftet (das Kabarett wurde von den Faschisten geschlossen) und im KZ Esterwegen interniert. Er wurde noch im selben Jahr entlassen, erhielt aber ein einjähriges Berufsverbot. Von 1937 bis 1939 war er beim "Kabarett der Komiker" engagiert, 1939 wurde das Kabarett verboten und Finck aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen. Finck meldet sich (freiwillig) zur Wehrmacht, um einer erneuten Verhaftung zu entgehen. Nach dem Krieg arbeitet er bei verschiedenen Kabaretts, gab Gastspiele und wirkte in Filmen mit.( z:B:"Acht Stunden sind kein Tag von Rainer Fassbinder"): 1972 veröffentlichte er seine Autobiographie "Alter Narr - was nun?" Werner Finck starb am 31.7.1978 in München. Zum 100. Geburtstag am 2. Mai 2002 veranstalteten Humboldt-Apotheke und Comenius-Buchhandlung eine Lesung, bei der es dem Kulturwissenschaftler und Finck-Spezialisten aus Görlitz, Dr. Wolfgang Wessig ausgezeichnet gelang, dem zahlreich erschienenen Publikum den hintergründigen Humor von Werner Finck zu vermitteln.

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (4)
In dieser Folge der Historie gehe ich über die Geschichte meiner Apotheke hinaus und komme zur Entwicklung des Apothekenwesens in der Oberlausitz.
Zwischen dem Aufblühen des Handels auch in unseren Landesteilen und dem Apothekenwesen besteht ein ursächlicher Zusammenhang. Bis ins 18. Jahrhundert (und heute viel davon wieder) wurden Zuckerwaren, Konfekt, wohlriechende Salben (heute Kosmetik!), Gewürze und auch allerlei Liköre in den Apotheken zum Verkauf angeboten. Es gab deshalb eine "Schankgerechtigkeit" der Apotheken.
In der Oberlausitz herrschten vom frühen Mittelalter bis 1820 Stadtstand (Sechsstädtebund) und der Landstand (Adel, Ritter, Klöster).
Nur die Stände durften Konzessionen vergeben, darunter fielen auch die Apotheken. So wie die Gerichtsbarkeit bei den Ständen lag, oblagen ihnen alle rechtlichen Entscheidungen über Käufe, Verträge, e.t.c.
Der König vergab sogenannte (unterschiedliche) Privilegien an die beiden Stände, die genau darüber wachten, ob sich die anderen an die Einhaltung hielten.
Nach dem Pönfall 1547 verloren die Städte der Oberlausitz viele ihrer Handelsprivilegien und die Landstände, also der Adel, bemächtigten sich des Handels. So kam es, dass in unserer Gegend recht früh durch die Landstände Apotheken gegründet wurden, die übrigens bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts so wie jeder andere Kaufladen betrachtet wurden. (Aus Unterlagen von Johannes Michel, Görlitz)
Nur am Rande möchte ich erwähnen, dass ich im Jahre 2000 die Restaurierung des ältesten Görlitzer Apothekerprivilegs (1594 durch Kaiser Rudolf II.) finanziert habe und dadurch die Urkunde (die im Ratsarchiv aufbewahrt wird) gerettet habe. Eine Kopie der Urkunde können Sie in meiner Apotheke ansehen.

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (5)
Ab 1750 durch August den Starken gab es Verordnungen, in denen sich Apotheken als Teile des Medizinwesens bestimmten und auch gegen Quaksalber abgrenzten. 1786 ( durch den König von Sachsen) erschienen in einem Mandat Bestimmungen über Ausbildung, Prüfung e.t.c. von Ärzten und Apothekern. In der bedeutensten Stadt des Sechsstädtebundes - Görlitz - wird die älteste Apotheke der Oberlausitz 1305 im ältesten Stadtbuch aufgeführt und war bis 1565 Eigentum des Rates der Stadt. Noch 1594 versprach der Eigentümer Paul Tübler dem Rat eine Menge Tinte, Wachs und Konfekt für die Befürwortung seines Privilegiums (also Sonderrechts). Diese älteste Apotheke in Görlitz wechselte mehrmals den Standort und blieb bis 1829 die einzige Apotheke in der Stadt (Struve-Apotheke am Untermarkt). 
(Aus Unterlagen von Johannes Michel, Görlitz)

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (6)
Die bis heute noch vorhandenen Epithaphe, Grabplatten und Grabsteine vom Görlitzer Nikolai-Friedhof etc. erlauben uns Aussagen zu den hiesigen Apothekern aus der Zeit von 1600-1814. Eine Grabtafel in der Peterskirche (aus der Nikolaikirche stammend) weist auf den Apotheker Johann Büttner hin, dessen Vater Elias Büttner ebenfalls Apotheker war. Johann Büttner kaufte 1625 die unter dem Rathaus befindliche (einzige) Apotheke und erhielt 1627 ein Privilegium, da er sich auf dem Gebiet der Chemie besonders hervortat. Er stellte 1633 die erste landesherrlich genehmigte Apothekertaxe auf.  Nachdem er 1634 verstorben war, heiratete seine Witwe den Nachfolger ihres Mannes, Johann Straphinus (Grabstein Nikolaikirche), der 1685 starb. Ein weiterer Grabstein auf dem Nikolai-Friedhof gibt Auskunft darüber, dass zur selben Zeit - von 1640 bis 1687 - mit Arnold Bölker ein weiterer Apotheker in Görlitz lebte. (Aus Unterlagen von Johannes Michel, Görlitz)

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (7)

Das Grabmal des Apothekers Gottfried Dietrich (1658-1727), der das Apothekerprivileg - und damit das Monopol in der Stadt - für die Struve-Apotheke inne hatte, befindet sich auf dem Nikolai-Friedhof. Dieses Grabmal ist aufgrund seiner Größe und seiner Inschriften von besonderer Bedeutung, es wurde 1953 durch einen Baumsturz sehr stark beschädigt. Leider hat ein von mir 2001 initiierter Spendenaufruf (bei verschiedenen Pharmaherstellern in Sachsen und Brandenburg) nicht die erforderlichen 15.000,- DM zur Restaurierung erbracht. Das sehr erhaltenswerte Grab konnte daher zu meinem größten Bedauern immer noch nicht saniert werden. Einer der (immer schlechter entzifferbaren) Sprüche auf dem Grabstein: „Des Leibes Noth kann nur verschwinden, wenn wir den Arzt im Grabe finden“ wirft ein schlechtes Licht auf den ganzen Ärzte-Stand! Aber das ist bestimmt der damaligen (?) Konkurrenz-situation der beiden Berufe geschuldet ...

Sollten sich noch Spender finden, leite ich das Geld gerne weiter!

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie

 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (8)
Ein weiterer erwähnenswerter Grabstein (von 1789) eines Görlitzer Apothekers befindet sich auf dem Nikolai-Friedhof: der von Benjamin August Struve. Er verlegte die Apotheke „unter dem Rathaus“ auf den „Häringmarkt“, heute Untermarkt, Ecke Peterstraße – ein jedem Görlitzer wohlbekanntes wunderschön restauriertes Gebäude. Sein Sohn, der Arzt und Apotheker Christian August Struve (1767-1807), verbrachte hier seine Kinderjahre. Auch dessen Grabstein (übrigens gehören beide Grabsteine zu den wenigen klassizistischen unter den vielen barocken) befindet sich auf dem Nikolai-Friedhof. Er erwarb sich für Görlitz sehr große Verdienste und starb an einer Typhus-Infektion, die er sich bei der Betreuung kranker Soldaten zuzog. Zu seinen Verdiensten zählt v.a. die Einführung der Pockenschutzimpfung in der Oberlausitz und seine Aufklärung in Sachen Hygiene. So lautet auch der Text auf der Rückseite seines Grabsteins „Schön und ehrenvoll der Tod fürs Vaterland. Doch schöner ist der Tod, den er durchs Wohltun fand.“ Über Struves Wirken können Sie sich in der wissenschaftsgeschichtlichen Abteilung der Städtischen Sammlungen in der Neißstraße informieren.

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (9)
Heute komme ich zum Apothekenwesen im nahe gelegenen Ostritz. Die Äbtissin Laurentia des Klosters St. Marienthal richtete am 30. März 1816 ein Gesuch an den Oberamtshauptmann in Bautzen, in dem sie um die Genehmigung zur Einrichtung einer Apotheke in Ostritz bat. Diese Genehmigung wurde erteilt, so dass der Apotheker Johann Eisler aus Seidenberg eine Apotheke errichten konnte.
Dieser Apotheke wurde 1857 das Realrecht verliehen, d.h. sie wurde vererbbares und verkäufliches Eigentum des Besitzers, musste aber im Namensschild als Königlich Sächsische Apotheke firmieren.
Der Grund für die so späte Errichtung einer Apotheke in Ostritz ist darin zu suchen, dass das Kloster als Arzneimittelhersteller schon sehr lange die Bedürfnisse der Bewohner befriedigte und der Bedarf sicher auch aus Görlitzer Apotheken gedeckt wurde. (Aus Unterlagen von Johannes Michel, Görlitz)

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (10)

Zunächst möchte ich die Ersterwähnungen von Apotheken in den anderen „Sechsstädten“ auflisten:

Bautzen: 1542 eine Apotheke neben dem Weinkeller (Privatbesitz)
Kamenz: 1515 eine Apotheke unter dem Rathaus, wahrscheinlich Eigentum des Rates der Stadt
Zittau: Ältestes Apothekenprivileg vom 15.1.1615
Löbau: 1677 ältestes Privileg, ausgestellt für Anna Maria Zeidler. Sie könnte die erste Apothekerin der Oberlausitz sein!

Nun soll es um eine (historische) Spezialität der Humboldt-Apotheke gehen. Wie in Teil 2 meiner Apotheken-Geschichte berichtet, übernahm 1919 Max Holfeld die Humboldt-Apotheke von seinem Schwiegervater Botho Finck (Vater des berühmten Kabarettisten Werner Finck). In dieser Zeit wurde die Vacampin-Salbe weithin bekannt, da Holfeld sie durch geschickte Werbung so populär machte, dass sie auf Wunsch der Patienten weltweit verschickt wurde – sogar nach Amerika! Diese Salbe zur Flechtenkur (damit ist die Schuppenflechte gemeint) bestand aus 6 Bestandteilen, die in die Salbengrundlage aus Bleipflastersalbe und gelber Vaseline eingearbeitet wurden. Nicht nur, aber v.a. der wirksamste Rezepturbestandteil – Cignolin – wird auch heute noch zu diesem Zweck in Salben verabreicht. Zur Kur gehörten noch homöopathische Tropfen, ein Kopfflechtenmittel, ein Flechtentee und eine Pinselung.

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie
 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (11)

Heute möchte ich Ihnen nichts Neues berichten, sondern nur daran erinnern, dass meine Apotheke am 12. September vor 135 Jahren eröffnet wurde. Herr Apotheker A. Welt gründete die Humboldt-Apotheke 1870 als vierte in der Stadt – meine Apotheke, deren Inhaberin ich seit dem 1. Februar 1998 bin, ist also die älteste noch geöffnete der Stadt.
Aus diesem Anlass erhält jeder Kunde, der am 12. September zu uns kommt, ein kleines Geschenk von uns.

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie

 
Aus der Geschichte der Humboldt-Apotheke (12)

Im heutigen – vorerst letzten – Teil meiner Apothekengeschichte möchte ich etwas zur Apothekergasse in Görlitz schreiben. Diese Gasse befindet sich an der Brüderstraße und hatte bis 1760 abwechselnd den Namen Nadler- oder Apothekergasse. Im Jahre 1416 taucht erstmals eine „Apotheke an der Brüdergasse“ auf, diese war bis 1565 Eigentum des Rates der Stadt. 1565 mußte der Apotheker Alexander Bernhard 60 Groschen für das Inventar bezahlen, das Privileg blieb aber bei der Stadt. Ein Pergament aus dem 15. Jahrhundert räumt dem Apotheker das alleinige Recht des Zucker- und Konfektherstellens ein. Die Rats-Apotheke an der Apothekergasse wurde 1771 durch Benjamin August Struve zur Ecke Untermarkt/Peterstraße verlegt, wo sie bis 1945 in Betrieb blieb.

Brigitte Westphal, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie

 
Seite Drucken Fenster schliessen