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Gifte in der Pharmazie (1)

Am bekanntesten ist und am häufigsten verwendet wird Digitoxin, ein sogenanntes Herzglykosid, gewonnen u.a. aus dem Roten Fingerhut (Digitalis purpurea). Es kommt in geringer Dosis bei allen Formen der Herzinsuffizienz zum Einsatz.
Weniger bekannt ist die Anwendung von Schlangengiften in der Pharmazie. Da gibt es als Einreibung Vipratox® nova, welche u.a. Sandottertoxin enthält. Diese Salbe wird verwendet bei Verstauchungen, Muskelschmerzen und kann auch als Massagemittel dienen.
Noch unbekannter ist die Verwendung von Gerinnungsenzymen und Hämarrhaginen, die im Gift bestimmter Vipern und Grubenottern enthalten sind. Diese werden hin und wieder nach einem Schlaganfall - ausschließlich in der Klinik - und nur innerhalb von 6 Stunden angewendet. Aus dem Gift der Grubenotter (s. Foto) werden hämorrhagische Faktoren rein isoliert.


Waglers Grubenotter (Trimeresurus wagleri),
Sarawak (Borneo) 2005
Foto: Brigitte Westphal

 
Gifte in der Pharmazie (2)

Ein pharmazeutisch wichtiges Gift ist das Atropin der Tollkirsche (Atropa belladonna L.) Die schwarzen Beeren der Pflanze schmecken süß (Achtung! 3 Stück können für ein Kind tödlich sein!). Heute wird das Atropinsulfat hauptsächlich zu diagnostischen Zwecken in der Augenheilkunde angewendet. In früheren Zeiten wurde der Effekt der Pupillenerweiterung – offensichtlich machte es den Damen nichts aus, dass sie dann nicht viel sehen konnten – zu Schönheitszwecken eingesetzt, eben „bella donna“ = „schöne Frau“.
Belladonna ist außerdem - in der Mythologie - eine der 3 Moiren (Schicksalsgöttinnen), die Unabwendbare, die den Lebensfaden durchschneidet.

 
Gifte in der Pharmazie (3)

Jedem bekannt ist der Schlafmohn (Papaver somniferum L.), der u.a. im östlichen Mittelmeergebiet heimisch ist und in vielen Gegenden der Welt kultiviert wird. Sie kennen natürlich auch die Inhaltsstoffe der Mohnkapseln (Früchte): Morphin, Narcotin, Papaverin, Codein u.a., die – heute oft teilsynthetisch – gegen Schmerzen, Krämpfe und Husten verwendet wurden und werden. Als in früheren Zeiten noch Abkochungen der Mohnköpfe verwendet wurden (u.a. zur Beruhigung von Kindern!), gab es häufig Vergiftungen, auch mit Todesfolge. Alle Inhaltsstoffe, die mit Morphin etc. verwandt sind, unterliegen heute besonders strengen Anforderungen – es gibt dafür extra Rezeptformulare. Zum Glück ist es heute nicht mehr ganz so „verpönt“, diese sogenannten „Suchtmittel“ aufzuschreiben, die bei vielen schweren Erkrankungen unersetzbar sind. (Häufiger lässt das Budget des Arztes eine Verordnung nicht zu, aber das ist ein anderes Thema.)

 
Gifte in der Pharmazie (4)

Es gibt einen giftigen Schlauchpilz (Claviceps purpurea), der in früheren Zeiten für Massenvergiftungen verantwortlich war: den Mutterkornpilz. Er wächst im Fruchtknoten des Roggens: da früher das Getreide nicht so gut gereinigt wurde, gelangte er ins Mehl und verursachte durch die sogenannten Mutterkornalkaloide den Ergotismus. Die Krankheit wurde auch als Heiliges Feuer oder Antoniusfeuer bezeichnet und begann mit Kribbeln an Händen und Füßen, weitere Symptome sind Erbrechen, Durchfall und tetanische Krämpfe. Schon in der Antike war Mutterkorn als Mittel bei der Geburtshilfe und als Abtreibungsmittel bekannt. Bis vor kurzem wurden Abkömmlinge der Lysergsäure als Blutdruckmittel, Wehenmittel und gegen Migräne eingesetzt. Heute gibt es für fast alle Fälle besser wirkende Arzneimittel oder welche mit weniger Nebenwirkungen. 1943 wurde das LSD (Lysergsäurediäthylamid), eines der stärksten Halluzinogene, entdeckt.

 
Gifte in der Pharmazie (5)

In meiner letzten Folge zu den Giften soll es um die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) gehen. Die Pflanze gehoert zur Familie der Liliaceae und kommt in Europa, Nordafrika und im südlichen Kaukasus vor. Das Alkaloid Colchicin ist in der ganzen Pflanze enthalten und ein starkes Zell-, Kapillar- und Mitosegift. Heute wird es nur noch im akuten Gichtanfall – es gibt Tabletten und Tropfen – angewendet. Früher kam es auch bei Rheuma und Wassersucht zur Anwendung. Die Pflanze wird auch „Sohn-vor-dem-Vater” genannt, da sich zum Frühjahr eine große Fruchtkapsel zwischen einigen großen tulpenblattähnlichen Blättern herausschiebt, die nach der Reife viele münzenartige Samen entlässt. Im Sommer/Herbst kommt es zur Blüte mit zartlila Blütenkelchen.

 
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